Qamishly – Symbol der Hoffnung

Am 30. Dezember 2015 erlebten die Bürger Qamishlys (Beth Zalin) mehrere Attentate, welche direkt an das assyrisch/aramäische Volk gerichtet waren. Einige Restaurants wurden attakiert und forderten ihre Opfer. Ängstlich und betroffen gingen wir in das Jahr 2016.

Im Frühling 2019 stand ich vor einem dieser mittlerweile restaurierten Restaurants im christlichen Stadtviertel Al Wosta. Die Widerstandsfähigkeit unseres Volkes in Qamishly beeindruckte mich sehr. Ungefähr 10.000 Assyrer/Aramäer sind in Qamishly verblieben. Für eine aus dem Tur Abdin Stammende (ca. 1500 Assyrer/Aramäer verblieben) ist das sehr viel, für die Bewohner der einst von Assyrer/Aramäer gegründeten Stadt sehr bedrückend. Der syrische Bürgerkrieg und vorallem die kurdische Autonomiebewegung zwangen überwiegend Jugendliche nach Europa zu ziehen. Einige von ihnen sind nun beim Assyrischen Jugendverband Mitteleuropa e.V. aktiv.

Im einst großen Basar, gefüllt mit assyrisch/aramäischen Geschäften, befinden sich nur noch vereinzelte christliche Läden. Die örtlichen Jugendgruppen vermissen ihre Mitglieder und berichten stets nostalgisch und traurig über die glorreichen Zeiten der Jugendarbeit und Veranstaltungen, wie das assyrische Neujahrsfest in den Dörfern.

Wie geht es weiter – ist alles verloren?

Nein, es gibt Hoffnung! Die ältere Generation gibt nicht auf und versucht ihre Jugendlichen zu mobilisieren. Es gibt auch Einzelne aus Europa, welche durch Organisationen nach Qamishly zurückgekehrt sind. Für eine dieser Organisationen durfte ich dieses Jahr ehrenamtlich tätig sein. BET KANU ist ein Team, das aus kreativen Jugendlichen aus der Diaspora und Heimat besteht, welches sich zum Ziel gesetzt hat, die assyrisch/aramäische Sprache aufrechtzuerhalten. Dies gelingt durch die Produktion von Multimedia-Produkten, wie Lieder, Apps, Webseiten und Spiele. Gleichzeitig werden den Jugendlichen Arbeitsmöglichkeiten gegeben, um so der Auswanderungswelle entgegenzuwirken.

Durch meine Tätigkeit als Mediengestalterin in Deutschland war es mir möglich, dem Team im BET KANU-Center Workshops zum Thema Gestaltung zu geben. Die tägliche Zusammenarbeit ermöglichte uns Verbesserungen im Work-Flow zu erzielen und das Team im Bereich Gestaltungsregeln und Programmführung zu schulen.

In meiner Freizeit besuchte ich die Veranstaltungen der syrisch-orthodoxen Kirchenjugend „Osarto“ oder der ADO-Jugend (Assyrian Democratic Organization). An den Wochenenden besuchte ich die umliegenden Dörfer, wie „Wut Wut“ und konnte so dem Trubel der Stadt entkommen.
Die Monate in Qamishly haben es mir ermöglicht, mein Volk auf besondere Art und Weise kennenzulernen und mit unserem Heimatland Syrien enger in Kontakt zutreten. Umso beklemmender sind die letzten Ereignisse, die sich in der Stadt Qamishly abgespielt haben. Wieder ist unser Volk zwischen den Fronten der türkischen Armee und den Kurden geraten. Einige meiner Freunde mussten sogar aus ihrer Stadt kurzfristig evakuiert werden. Die Stimmung ist bedrückend, die Menschen sehnen sich nach Stabilität und Frieden, die Jugendlichen brauchen Hoffnung.
Aktiv bleiben – das ist das wichtigste. Perspektiven schaffen und Zeichen setzen. BET KANU und andere kulturelle und kirchliche Organisationen sind es, die unser Volk in Qamishly fördern und mobilisieren können. Wir sollten sie nicht vergessen.

Ich möchte mich beim AJM für diese einmalige Chance bedanken, dass ich meinen Landsleuten in der Heimat dienen und sie besser kennenlernen durfte. Ein großer Teil meines Herzens wird für immer in Qamishly bleiben.

Jessica L.

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